Mehr Schweizer Fachkräfte dank Lockdown?

 

Aktuell steht für viele von uns wegen der Coronakrise die Welt auf dem Kopf. Trotzdem oder gerade deshalb könnten sich interessante Optionen für die Wirtschaft ergeben. Zum Beispiel im Hinblick auf das ungenutzte Fachpotenzial von Frauen, welche Beruf und Familie miteinander vereinen müssen und sich daher zulasten der Karriere für ein geringes Arbeitspensum entscheiden.

 

Das brachliegende Potenzial berufstätiger Mütter tut weh. Was tun?

 

Mütter sind heute vermehrt berufstätig. Entweder, weil sie als Alleinerziehende nicht auf Sozialdienstleistungen angewiesen sein wollen, weil für die Lebenshaltungskosten der Familie ein zweites Einkommen erforderlich ist oder weil die behutsam aufgebaute Karriere (zumindest teilweise) erhalten bleiben soll. In allen Fällen stellt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine Herausforderung dar. Darum entscheiden sich viele Mütter für ein Teilzeitpensum von weniger als 50 Prozent, besonders wenn kleine Kinder unter vier Jahren mit im Haushalt leben. Mit Folgen: Aufgrund der geringen Präsenz und Visibilität werden diesen Frauen vom Arbeitgeber nur selten verantwortungsvolle Aufgaben übertragen. Auch dann nicht, wenn sie über akademische oder spezifische Fachausbildungen verfügen. Das bedeutet nicht nur für die betroffenen Frauen einen grossen Verlust, sondern auch für den Arbeitsmarkt, welcher inländische Fachkräfte zunehmend schmerzlich vermisst.

 

Remote Working: Ein Lösungsmodell?

 

Veränderung passiert nicht einfach so, sondern sie entsteht meist aus dem Zwang zur Anpassung. Bildgebend dafür steht der «Red Queen Effect» des Evolutionsforschers Leigh Van Valen. Zusammengefasst besagt diese, dass eine erfolgreiche Spezies sich ständig verändern muss, wenn sie sich in der Zukunft behaupten will. Als der Bundesrat den Lockdown verkündete, erwies sich diese These für die Schweizer Wirtschaft als bittere Wahrheit. Denn die landesweiten Schliessungen und Arbeitsverbote fegten nicht nur Züge und Strassen leer, sondern auch die Auftragsbücher. Im Sofortmodus mussten Kundenbetreuungs- und Vertriebsprozesse remote (online, ohne physische Präsenz) umgesetzt werden. Homeoffice wurde zum neuen Normal, und es hat sich gezeigt, dass sich mit Remote Working auch fachliche Verantwortung und Führungsaufgaben wahrnehmen lassen. Die richtigen Tools und Anwendungen sind vorhanden. Das erlaubt den Schluss, dass mit Remote Working fachlich qualifizierte Frauen mit Kinderbetreuungsaufgaben zurück in den Arbeitsmarkt geholt werden könnten. Gleichwohl, bei aller Veränderung, bleibt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Herausforderung. Dies zeigt auch das Interview mit Florence Dusseiller Halbeisen in unserer Publikationsreihe «Aspekte». Frau Dusseiller Halbeisen ist Mutter und arbeitet bei Wilhelm St. Gallen im Bereich Assessment, Outplacement und Führungscoaching in Teilzeit als Senior Consultant. Was können Firmen tun? Allfällige starre Strukturen auflösen und durch agile Arbeitsmodelle ersetzen. Das würde nicht nur berufstätige Mütter im Vorwärtskommen fördern, sondern im Umkehrschluss auch Vätern die Möglichkeit geben, sich neben der Karriere vermehrt ins Familiengeschehen einzubinden.